Beaulieu Cine-Filmclub

Die Schmalfilamateure

Rainer Gülzow berichtet über seine 16mm Dokumentation



„Quo Vadis, Schmalfilm?“

So entstand mein Film: Vom Rohschnitt bis zur Filmpremiere im Hollywood Media Hotel Berlin – Eine Dokumentation

Sehen Sie sich hier den Clip an.

Am 8. Juni stehe ich gegen 8.00 Uhr am Gleis 8 des Hamburger Hauptbahnhofs und warte auf den ICE nach Berlin. In meiner Reisetasche befindet sich ein großes Wagenrad mit einem 28minütigen 16mm Film – meine Arbeit der letzten fünf Jahre. In Berlin läuft bereits seit dem Vortag das Cineforum 2012. Aufgrund meines Schichtdienstes kann ich erst am zweiten Forumstag dazustoßen. Heute um 16.30 Uhr ist im Programm mein Film als Premiere angekündigt. Neben der Reisetasche steht ein alter Alukoffer, indem ich DVDs mitschleppe, die ich noch an ein paar Mitwirkende meines Films verteilen werde, als kleines Dankeschön. Es sind auch Zweiband-Tonsachen in dem Koffer. Aber der Reihe nach.

Ungefähr seit November 2011 ist der Rohschnitt fertig. Alle Filmrollen wurden bei AVP München abgetastet auf MiniDV-Kassetten und im Computer der Ton angelegt und der Film geschnitten. Zwei Leuten zeigte ich die Rohfassung: Wolfgang Kleinschmidt aus Kiel (BCFI) und Jürgen Lossau (Redaktion Schmalfilm/zoom). Anhand der Reaktionen der beiden habe ich dann Feinkorrekturen an dem von Lossau nicht ganz zu Unrecht als Mammutwerk bezeichneten Film vorgenommen. Rund 2000 Meter Farbnegativfilm wurden verdreht, der sich schließlich in 15 Filmbüchsen sammelte. Ungefähr Ende Februar 2012 war der kreative Schnitt inklusive Feinschnitt abgeschlossen. Seit dieser Zeit gibt es die Videofassung von dem Film, die auch auf den DVDs zu sehen ist. Anhand der Videofassung wurde eine Schnittliste für den Negativschnitt erstellt, den ich dann in Eigenregie durchgeführt habe. Der Negativschnitt hat fast den ganzen April in Anspruch genommen. Ich habe fast in jeder freien Minute Filmrollen markiert, aufgeteilt, an den „Galgen gehängt“ und in der Schnittreihen-folge zusammengeklebt. Zweimal sind mir beim Negativschnitt Fehler unterlaufen. Einmal habe ich IN und OUT Markierung verwechselt. Das war ziemlich weit vorne nach dem Vorspanntitel und fällt im fertigen Film nicht weiter auf. Außerdem hat die Szene keinen O-Ton. Das zweite Mal habe ich mich ziemlich am Schluß vertan. Hinter dem Interview mit Draser gibt es eine Szene mit einem Briefkasten. Am Ende der Szene kommt von unten eine Hand ins Bild, nur für ein paar Bilder. Diesen Schnittfehler gibt es nur in der 16mm-Kopie. Im Video existiert er nicht.

Mitte Mai ruft mich plötzlich Herr Draser von ANDEC Filmtechnik an: „Hallo Herr Gülzow! Der Toningenieuer von Atlantik Film fährt übermorgen in Urlaub und kommt erst am 4.6. wieder. Wenn das mit Lichtton etwas werden soll, muss bis morgen die Endmischung bei Atlantik sein.“ Atlantik Film in Hamburg ist europaweit das einzige Kopierwerk mit einer betriebsfähigen 16mm Lichttonkamera, das Lichttonnegative in diesem Format herstellen kann. Und dann wird diese Filiale der Cinepostproduction Group auch noch zum 31.7.2012 geschlossen. Da mein Computersystem Casablanca AVIO keine Tondaten als Wavedatei exportieren kann, besorge ich auf abenteuerliche Weise eine Rolle 16mm-Perfotonband. Mit Hilfe der Gebuhr Synchronbau-steine und meinem BAUER P6studio erzeuge ich das gewünschte Band mit der Tonendmischung. Ich komme allerdings aus Zeitmangel nicht mehr dazu es abzuhören. Am selben Tag drücke ich dem Techniker die Büchse mit dem Perfo in die Hand, verbunden mit dem Hinweis, er solle vorher reinhören, ob alles in Ordnung ist. Am nächsten Tag ist das belichtete Tonnegativ schon per Kurier bei ANDEC eingetroffen. Die Rechnung bei Atlantik muss ich bar bezahlen: 416 Euro. Zwischenzeitlich habe ich Luft zwischen zwei Schichten und kann in das Perfo reinhören. Mich trifft fast der Schlag: Ich habe etwas zu hoch ausgesteuert. Einige Stellen sind leicht angezerrt. Jedenfalls kein Ruhmesblatt für den Lichtton, der an diesem Desaster völlig unschuldig ist. Es folgen mehrere Krisentelefonate mit Draser von ANDEC und dem Tonmeister von Atlantik, den ich im Urlaub erwische. Schwer zu sagen, wie der Lichtton klingen wird. Studiomaschinen haben offensichtlich eine deutlich höhere Übersteuerungsreserve, als mein BAUER P6studio. Wir entschließen uns, das Lichttonnegativ trotzdem zu verwenden. Herr Pohlmann von fipra ist ohnehin im Urlaub – geht also auch gar nicht anders.

In dieser Zeit geht es mir nicht besonders gut. Ich sitze wie auf Kohlen. Irgendwann komme ich auf die Idee, Rainer Feilen zu fragen, ob der für die Vorführung verwendete Projektor BAUER P8 T400 für Zweibandver-fahren eingerichtet ist. Ist er nicht, lautet die vorläufige Antwort. Am Mittwoch, 6. Juni, kommt dann per UPS die fertige Filmkopie bei mir an. Mein Kameramann Marco und ich sichten den Film ein erstes Mal. Das Bild ist auf dem Halogenprojektor ganz OK, der Ton hört sich ziemlich „retromäßig“ an, wie aus den 70ern. Es würde gehen. Donnerstag ruft mich Rainer Feilen wieder an und sagt mir, dass der Projektor doch Zweiband kann, System Gebuhr, und ich nur die Audio-CD mitbringen brauche. Aber den SynCD-Player habe ich nicht. Bis in die Nacht stelle ich eine Zweiband Audiokassette her. Mit Pilotton. Am Morgen packe ich meinen Kassetten-rekorder SONY TC-D5, Synchronbaustein und Netzteil, plus alle nötigen Kabel zusammen. Das Beste: Später funktioniert sogar alles.

Kurz vor 10 Uhr erreicht mein ICE planmäßig Berlin Südkreuz. Meine Schwester holt mich wie vereinbart vom Bahnhof ab und hat sogar schon Busfahrscheine und Fahrplan besorgt. Es bleibt noch Zeit für einen Kaffee und um meine Sachen bei ihr abzustellen. Da mir die Hotels am Kurfürstendamm allesamt zu teuer sind, werde ich einmal bei ihr, in einer geradezu winzigen Berliner Einzimmerwohnung mit 33m², nächtigen.

Wie ausgemacht erreiche ich gegen 12 Uhr das Hollywood Media Hotel am Kurfürstendamm. Die Projektion läuft gerade. Vor der Tür steht – wie immer – Dragan Jovanovic mit seinem Filmsammelsurium. Irgendwann traue ich mich dann doch in den Kinosaal hinein. Schnell ein paar Hände geschüttelt – ein paar bekannte Gesichter. Ich sitze neben Wolfgang Kleinschmidt. Gerade läuft ein Reisefilm von Dieter Osbahr über eine polnische Stadt. Auch ein Film von Jan Fleuren bleibt im Gedächtnis. Ich stelle fest, das es kaum Filme mit atmosphärischen Geräuschen gibt. Viele Filmer haben einfach nur Musiksoße auf ihre gesamten Streifen gekippt. Das mag in den 1970ern legitim gewesen sein. Heute wirkt es einfach nur altbacken und langweilig. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass die Tonaufnahme bei fotochemischem Film einen gewissen Aufwand erfordert. Ist man allein unterwegs, ist dieser Aufwand kaum zu handhaben.

Es wird auf 16mm umgebaut. Als nächstes zeigt Dragan Jovanovic einen „Livetonfilm“. Stolz stellt er eine Beaulieu News 16 auf die Bühne. Die Vorführung seines Films ist für das Publikum eine gewisse Heraus-forderung, handelt es sich doch um die ungeschnittene Fassung des Films „Hochzeit von Dragan Jovanovic“. Die Vor- und Nachteile von Livetonfilm kommen jedenfalls voll zur Geltung. Helmut Lange zeigt einen 16mm-Film über den Alsterfluss. Jemand sagt mir später dazu, er hätte bereits Bilder von der Trave (ein Fluss bei Lübeck) aufgenommen, um später einen Film zu machen. Seine Bilder würden fast gleich aussehen. Im platten Land sieht eben vieles ähnlich aus.

Ganz zum Schluß endlich ist mein Film dran. Jürgen Lossau und Ludwig Draser sind inzwischen auch da. Ich bin aufgeregt. Den (in meinen Augen) verhunzten Lichtton will ich dem Publikum nicht zumuten. Daher will ich den Ton synchron von der Kompaktkassette einspielen. Der Testlauf in der Pause klappt. Rainer Feilen stellt für mich den Film auf Startkreuz. An der Filmbühne kann man sich die Finger verbrennen, so heiß ist sie. Ich bin daher ganz dankbar, dass er mir die Arbeit abnimmt. ‘Hoffentlich weiß er, was er tut’, denke ich bei mir. Vorne läuft bereits die Anmoderation von Jürgen Lossau. Schließlich habe ich alles vorbereitet und kann auch nach vorne kommen. Dann der spannende Moment: Der Projektor wird gestartet. Der Kassettenrekorder läuft, erkenne ich im Halbdunkel. Als der Pieps auf der 2 kommt, wird mein Puls ruhiger. Nun kann nicht mehr viel passieren. 28 Minuten allerbester lippensynchroner Ton – mir fällt ein Stein vom Herzen. Den Zuschauern gefällt mein Film ausgesprochen gut. Für alle war die Projektion ein gelungener Abschluß des Cine-Forums in Berlin. Meine Mühe hat sich gelohnt.

In der nächsten CineMagica werde ich von den inhaltlichen Erkenntnissen dieses Films berichten – „Quo Vadis, Schmalfilm?“. Wenn´s bloß so einfach wäre.

Rainer Gülzow